Bestattungskultur christlich gestalten

Solidarität über den Tod hinaus

Tradition der Bestattungsbruderschaften wieder entdecken

 

Verstorbene zu bestatten bedeutet, ihre Würde auch über den Tod hinaus zu achten und die Verbundenheit mit ihnen nicht aufzukündigen. Tote zu bestatten ist das siebte der so genannten leiblichen Werke der Barmherzigkeit, die zum Kernbestand des christlichen Ethos gehören. Diese Solidarität unterscheidet nicht zwischen Nahen und Fremden. Die Sorge um eine würdige Bestattung mittelloser Menschen oder Fremder ohne Angehörige gehörte immer schon zu den Kennzeichen einer christlichen Gemeinde. Das unterschied sie bereits in der Zeit der frühen Kirche auf signifikante Weise von ihrer nicht christlichen Umwelt. Und das ist bis heute ein Unterscheidungsmerkmal des christlichen Menschenbilds in einer weithin säkularen Gesellschaft.

 

Ein Dokument der alten Kirche sagt über die Aufgabe des Diakons:

Wenn ein Diakon in einer Stadt tätig ist, die am Meer liegt, soll er sorgsam das Ufer absuchen, ob nicht die Leiche eines Schiffbrüchigen angeschwemmt ist. Er soll sie bekleiden und bestatten. In der Unterkunft der Fremden soll er sich erkundigen, ob es dort nicht Kranke, Arme und Verstorbene gibt, und er wird es der Gemeinde mitteilen, dass sie für jeden tut, was notwendig ist.

 

Was hier über das Amt des Diakons stellvertretend ausgesagt wird, gilt für eine Kirche und Gemeinde insgesamt, die unter dem Anspruch steht, diakonisch und darum überzeugend und missionarisch zu sein.

 

Die toten Schiffbrüchigen und die Verstorbenen in den Fremdenherbergen der Antike stehen symbolisch für verstorbene mittellose Menschen auch in unserer Gesellschaft, deren Angehörige sich kein angemessenes Begräbnis leisten können; für Wohnungslose oder nach bürgerlichen Maßstäben Gescheiterte; für Vereinsamte, um die niemand trauert und deren Bestattung niemand ein Anliegen ist. Auch ihre Würde muss über den Tod hinaus gewahrt werden. Gerade Menschen, denen die Verbundenheit ihrer Mitmenschen im Leben vielleicht versagt blieb, sollen so im Tod und über die Todesgrenze hinaus die Solidarität der Kirche erfahren. Oder gehören sie einfach zu den Überresten der Gesellschaft, die in industriell organisierten Kremierungen entsorgt werden wie so viele andere Überreste dieser Gesellschaft? Bleiben ihre Namen im Gedächtnis der Lebenden präsent  - und mit ihren Namen auch ihre Hoffnungen und ihr Glück, ihre Schicksale und ihre Not? Oder versinken sie in Namenlosigkeit und Vergessen? Wie wir mit den Toten umgehen, sagt viel aus über unseren Umgang miteinander als Lebende.

 

Die jüdische und christliche Tradition des Mittelalters und späterer Zeiten kennt die Bestattungsbruderschaften. Diese sorgten dafür, dass Verstorbene in würdiger Weise aufgebahrt und begraben wurden – Arme wie Reiche, denn vor dem Tod sind alle gleich. Sie waren auch Gebetsbruderschaften, die ihre Fürbitten für die Toten vor Gott brachten.

 

Die Formen ändern sich, das Anliegen bleibt aktuell – heute mehr denn je zuvor. Ich rege deshalb an, dass sich auch heute in den Gemeinden wieder Initiativen und Gruppen ehrenamtlich tätiger Menschen bilden, die sich über den Tod hinaus mitmenschlich verbunden sehen mit denen, derer sonst niemand gedenkt - getragen vom Gedanken der unzerstörbaren Menschenwürde und der christlichen Auferstehungshoffnung. Ich sehe ihre Aufgabe darin,

 

-  unmittelbar Betroffene und Angehörige zu beraten, wenn es darum geht, die letzten Dinge zu regeln;

-  Kontakt mit Kirchengemeinden und kommunalen Behörden aufzunehmen, um Verstorbenen wenigstens im Tod ihren Platz in der Gemeinschaft der Lebenden wiederzugeben;

-  eine Erdbestattung mit einer kirchlichen Begräbnisfeier zu ermöglichen und die dafür erforderlichen Mittel einzuwerben;  

-  stellvertretend für die Gemeinde an der Beisetzung teilzunehmen, insbesondere, wenn keine Angehörigen vorhanden oder erreichbar sind;

-  Gräberfelder mit personalisierten Gräbern zu gestalten und Menschen, deren Namen sonst vergessen würden, der Anonymität zu entreißen;

-  und nicht zuletzt: das Gedächtnis der Toten in den Gottesdiensten und Gebetstraditionen der Kirche vor Gott zu bringen.

 

Bischof Dr. Gebhard Fürst

 


Bischof: Neue Bestattungsformen fordern heraus - Papier der Diözese

Bestattungskultur christlich gestalten

Bischof: neue Bestattungsformen fordern heraus – Papier der Diözese

 

Stuttgart. 23. November 2011. Die aktuelle Vielfalt von Bestattungsformen fordert nach Überzeugung von Bischof Gebhard Fürst die Kirche heraus. Eine christlich geprägte Bestattungskultur solle den Glauben an die unbedingte Liebe Gottes zu den Menschen und Hoffnung auf ewiges Leben ausdrücken, betonte der Bischof am Mittwoch in Stuttgart. Er stellte ein Konzeptionspapier vor mit dem Titel „Bestattungskultur in der Diözese Rottenburg-Stuttgart – Richtlinien, Grundsätze, Empfehlungen“. Das Dokument konkretisiert Stellungnahmen der katholischen deutschen Bischöfe zu Fragen der Bestattungskultur der vergangenen Jahre für die württembergische Diözese.

 

Vorbei sei die Zeit, als nur eine oder ganz wenige Bestattungsformen anerkannt gewesen seien, betonte der Bischof. Heute würden Menschen aus verschiedenen Motiven unterschiedliche Beisetzungsformen wählen. In dieser Vielfalt christliches Profil zu wahren, sei kirchliche Aufgabe. „In ihren Anfängen war der Liebesdienst von Christen an Verstorbenen geradezu Erkennungszeichen der Kirche.“

 

Bischof Fürst betonte, für Christen entscheidend bei der Beurteilung einer Bestattungsform sei die jeweilige weltanschauliche Grundhaltung. So sei Katholiken beispielsweise eine Feuerbestattung erlaubt, wenn die Motivation dazu nicht etwa einem atheistischen oder pantheistischen Hintergrund entspringe. Eine Erdbestattung entspreche freilich eher dem biblisch-christlichen Menschenbild und verdeutliche unmittelbar Abschied, Trauer und Geborgensein in Gott. Analog würden diese Maßstäbe auch gelten für die Form der Beisetzung in so genannter natürlicher Umgebung. Allerdings hätten die deutschen Bischöfe nach wie vor Vorbehalte gegen Beisetzungen im Wald, weil diese Form privatreligiöse, naturreligiöse oder pantheistische Vorstellungen fördern könne.

 

Besonders ging der Bischof auf den sozialen und Gemeinschaft stiftenden Aspekt von Beisetzungen ein. „Die Präsenz der Verstorbenen in Gestalt ihrer Gräber ist auch für die Lebenden bedeutsam: Sie werden dadurch beständig daran erinnert, dass auch sie Teil dieser Gemeinschaft sind und denselben Weg gehen wie die Generationen vor und nach ihnen.“ Bischof Fürst erinnerte in diesem Zusammenhang auch an das Schicksal mittellos Verstorbener. Sie hätten laut Gesetz nur Anspruch auf die kostengünstigste Form der Bestattung, „Mit solchen Beisetzungen, die oftmals trostlos wirken, sollten sich Christen nicht abfinden.“ Bischof Fürst appellierte, orientiert am Beispiel mittelalterlicher Sterbebruderschaften, in Kirchengemeinden karitative Initiativen zu bilden mit dem Zweck, mittellos Verstorbenen eine würdige Bestattung zu ermöglichen.

 

Zum 30-seitigen Dokument „Bestattungskultur“ bietet die Diözese Begleitmaterial an. Die fünf Texte umfassen einen Sterbesegen, Gebete zur Verabschiedung vor der Kremation, zur Urnenbeisetzung sowie ein Gebet zur Urnenbeisetzung in natürlicher Umgebung und einen  Info-Flyer „Im Tod ist das Leben – Sterben und Tod aus christlicher Sicht“.

Hinweis: Konzeption und Begleitmaterialien sind zu beziehen über die Expedition des Bischöflichen Ordinariats in Rottenburg, Fax: (07472) 169-561, Email:  expedition@bo.drs.de.